Fortsetzung Nikolai Lukjanenko

„Der Großvater wurde mit Benzin übergossen und verbrannt.“

Nikolai Lukjanenko berichtet, was ihm seine Mutter und andere Verwandte aus der Zeit der deutschen Besetzung erzählt haben.

Die Eltern von Nikolai Lukjanenko lebten halbnomadisch, im Winter hatten sie ein festes Quartier im Dorf Oskolkovo. Nach dem Einmarsch der Deutschen versteckten sie dort im Keller mehrere Wochen lang zwei Männer, die vor den Deutschen auf der Flucht waren.

 

Zu einem anderen Zeitpunkt quartierten sich deutsche Soldaten im Haus ein. Die Mutter musste für sie kochen und Wäsche waschen. Sie hatte aber gute Kontakte zu Partisanen und versorgte diese mit Informationen über die Deutschen.

Ein Angehöriger der von den Besatzern eingerichteten „Polizei“ erfuhr von dieser Tätigkeit und verriet die Mutter. Mehrere hundert Einwohner des Dorfes wurden von den Deutschen erschossen, darunter rund 30 Familienangehörige von Nikolai, unter anderem seine ältere Schwester, seine Tante, ein Onkel. Die Mutter sollte gemeinsam mit dem Vater in ein anderes Dorf verbracht werden, möglicherweise zum Verhör. Unterwegs gelang es Nikolais Vater aber, den Polizisten zu töten und gemeinsam mit seiner Frau zu fliehen. Später wurde der Vater ergriffen. Zuletzt sahen ihn Dorfbewohner, wie er von den Deutschen in einen Zug gebracht wurde. Er kehrte nie zurück. Auf die Mutter wurde Nikolai zufolge ein Kopfgeld ausgesetzt.

Nikolai Lukjanenko selbst wurde von Soldaten misshandelt und geschlagen. Er trägt bis heute körperliche und psychische Folgeschäden davon. Er wurde von mehreren „russischen“ Familien (also Nicht-Roma) in verschiedenen Dörfern versorgt. Manche seiner Retter wurden selbst ermordet: „Dann wurden diese Leute, die mich ernährten gefangen genommen. Und die Oma wurde an den Brunnen gehängt. Man hat sie ertränkt. Und der Opa wurde mit Benzin begossen und verbrannt.“ Er selbst sei im Bad versteckt und später dort herausgeholt worden. [Anm.: Mit „Oma“ und „Opa“ sind hier die älteren Menschen gemeint, die ihn aufgenommen hatten, keine Verwandten.]

Seine Mutter wurde gegen Kriegsende offenbar kurzfristig von den Deutschen gefangengenommen, aber nach wenigen Wochen von Partisanen befreit. Nach der Befreiung lebten sie wieder zusammen.

Rund 30 Familienangehörige ermordet

Für die überlebenden Familienangehörigen war die Kriegszeit, insbesondere der Genozid an den Roma, ein Thema, über das sie Nikolai viel erzählten. „Wenn die Deutschen sie im Wald fingen, wurden sie an Ort und Stelle getötet“, erinnert er sich an die Berichte. Weder Geschlecht noch Alter hätten dabei eine Rolle gespielt. „Die Schwester, die Tante, der Großvater, der Onkel, alle sind gestorben. Etwa 30 Menschen aus unserer Familie sind gestorben. Sie wurden erschossen.“

Nikolai Lukjanenko berichtet von einem Ort namens „Unetschi“ (Унечи), an dem 400 Menschen ermordet wurden. „Zuerst wurden die Juden getötet und dann die Roma“. Sie hätten sich ihre Gräber selbst graben müssen.

„Ich hatte so viele Verwandte. Und sie wurden in den Scheunen versperrt und verbrannt. Vor allem im Bezirk Baranavichy. Die Scheunen wurden mit Benzin gegossen und angezündet.“ Die Frau seines Onkels sei von diesem Ort geflohen, ebenso ein Mann, der von seiner Großmutter versteckt wurde.

Vor rund 20 Jahren ist Nikolai gemeinsam mit mehreren anderen Roma zu diesem Ort gefahren, es wurde ein Holzkreuz errichtet. (Anmerkung: Heute befindet sich an diesem Ort nahe der Ortschaft Baranovichi eine Gedenkanlage, die einzelne Opfergruppen aufschlüsselt und auch der mehrere Hundert ermordeten Roma gedenkt).