Recherche

Um Ende August mit der Exkursion zu beginnen, führen wir im Frühjahr eine mehrwöchige Recherche durch. Mit dieser Arbeit haben wir Anfang Mai 2018 begonnen. Wir veröffentlichen hier unregelmäßig erste Eindrücke von den Zeitzeug*innen und weiteren Gesprächspartner*innen. Es sei ausdrücklich gesagt: Das ist keine systematische Zusammenstellung, sondern eine Sammlung von frischen Eindrücken, die wir weitergeben möchten. Die Auswertung steht noch bevor.

Bereits heute (13. Mai) können wir feststellen, dass die alten Leute durchaus bereit sind, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Das sei hier deswegen betont, weil man es hin und wieder anders hört.

Beachtet bitte die Ausführungen zum Setting der Interviews.

Unsere Recherche führte uns zunächst in einige Gemeinden im Umfeld von Kiew und  in den Westen der Ukraine, in das sog. Wolhynien.

 

In der Nähe von Lutsk trafen wir die am 12. Mai 1930 geborene Paraskowija Kalenkiwna Stojanowitsch (Парасковія Калениківна Стоянович) .

“Mörder kamen und suchten Zigeuner”


Während der deutschen Besatzung seien Männer gekommen, die nach Roma gesucht hätten: “Es kamen solche Leute, Mörder, Mörder kamen und sagten, dass sie suchten.” Die Leute im Dorf aber hätten geschwiegen Das ganze Dorf sei hinter ihnen gestanden und habe sie nicht verraten. Dennoch hätten Deutsche und ukrainische Kollaborateure ihre Eltern abgeholt – durch die Intervention von Dorfbewohnern, die behaupteten, diese beiden seien keine “Zigeuner”, wurden sie aber wieder freigelassen. Die Familie floh dann aus ihrem Heimatdorf.

Für uns war an diesem Interview besonders beeindruckend, wie die ganze Spannbreite von Verhaltensoptionen deutlich wurde: Verbrechen, Kollaboration, aber auch aktive Solidarität von Nachbarn.

 

 

„Ich hatte schon kapiert, dass die Deutschen alle erschießen können“

Während der deutschen Besatzung arbeitete die Mutter von Halina Iwanowna Kiritschenko (geb. 1935, Perejaslaw-Chmelnitzky) zunächst weiter auf der örtlichen Kolchose. Obwohl noch zu klein, um zu arbeiten, folgte ihr Halina Iwanowna dorthin, um nicht alleine zu bleiben. Den Anweisungen eines Aufsehers folgte sie widerspruchslos: „Wenn ich nicht folge, würde er mich schlagen oder umlegen. Das hatte ich schon kapiert, dass die Deutschen alle erschießen können.“

Ihren Vater hätten die Deutschen eines Tages beinahe mitgenommen, weil sie ihn aufgrund seiner dunklen Hautfarbe und seiner äußeren Erscheinung für einen Juden oder Rom hielten. Sie ließen ihn laufen, weil in seinem sowjetischen Ausweis (in dem in jener Zeit die ethnische Zugehörigkeit vermerkt war) nicht „tsigan“ eingetragen war, sondern „ukrainisch“.

Die Familie floh schließlich in eine Sowchose in der Nähe von Tscherkassy, deren Leiter ebenfalls Rom war. Das hätten die Deutschen aber nicht gewusst, weil er „hell“ ausgesehen habe und als ethnischer Ukrainer galt. Mehrfach seien Anrufe aus der Stadt gekommen: „Gibt es Zigeuner bei Ihnen?“ Er sagte: „Nein“.

Zum Abschluss des Interviews beklagt Halina Iwanowna, dass Antiziganismus auch in der heutigen Gesellschaft ein Problem darstelle. Manche Leute würfen den Roma ihre Herkunft vor. Halina Iwanowna weist schlicht darauf hin, dass sie es ja nicht abstreite: „Wir sind Zigeuner, na und?“ Es sei doch gleich: „Du bist ein Mensch, ich bin ein Mensch.“

 

 

Lastkraftwagen „voll von Zigeunern“

Die Familie von Olga Pawliwna Woloschyna, geb., 1928 fiel einer koordinierten „Sammelaktion“ in Schitomir zum Opfer. In deren Rahmen wurden „Zigeuner“ aus der ganzen Stadt abgeholt und erschossen. Die beteiligten ukrainischen Hilfspolizisten hätten genau gewusst, in welchen Häusern Roma wohnten. Zuvor habe es schon Gerüchte gegeben, dass die Deutschen, nachdem sie bereits zahlreiche Juden erschossen hatten, auch die Roma töten würden. Die Mutter habe bereits die Flucht geplant.

Olga Pawliwna kam mit dem Leben davon, weil eine ukrainische Nachbarin, die ahnte, was mit den Roma geschehen würde, sie gegenüber den Soldaten als ihre Enkelin ausgab. Alle anderen Familienmitglieder, die an diesem Tag zu Hause waren, fielen der Vernichtungsaktion zum Opfer.

Olga Pawliwna berichtet auch über die teils engen Verbindungen zwischen Roma und Partisanen. Wenn Romnija über das Land gingen, angeblich um ihre Dienste als Wahrsagerinnen anzubieten, hätten sie auch immer Lebensmittel für die Partisanen dabeigehabt. Dort hätten auch etliche ihrer Verwandten Zuflucht gefunden und gekämpft.

 

 

„Hier gibt es keine Zigeuner“ – Rettung durch Dorfvorsteher

Unweit von Kiew, in Perejaslaw-Chmelnitzki, berichtet uns die 1931 geborene Katerina Kiriliwna Gerenko, wie sich ihre Familie retten konnte.

1943 sei bereits im ganzen Dorf die Gefahr, die von den Deutschen ausgeht, bekannt gewesen: „Uns wurde übermittelt: so und so ist es, die Deutschen töten Zigeuner und Juden.“

Der damalige Dorfvorsteher sei zu ihrem Vater gegangen und habe ihn ausdrücklich vor den Deutschen gewarnt und ihm geraten, zu fliehen. Bis dahin habe ihre Familie ein Leben geführt wie jede andere im Dorf auch, die Erwachsenen arbeiteten alle auf der Kolchose, alle waren getauft. „Wir lebten wie alle Menschen.“

Nachts floh die Familie und gelangte schließlich in ein anderes Dorf, wo eine Roma-Familie, die sie überhaupt nicht kannte, aufnahm und ihr Unterschlupf gewährte. Der Dorfvorsteher dort habe genau gewusst, welche Gefahr den Roma droht, sie aber nicht an die Deutschen verraten: Wann immer von den vorgesetzten Behörden gefragt wurde, habe er gesagt, im Dorf gebe es keine „Zigeuner“.

 

 

„Die kleine Zigeunerin kniete nieder und begann zu beten“

Im Dorf Melnizki Ritschizki, kurz vor der polnischen Grenze, sprechen wir mit Mikola Petrowitsch Bljaschuk, geboren 1929. Er ist kein Rom, erzählt uns aber, dass bis zum Zweiten Weltkrieg eine Roma-Familie im Dorf gelebt habe. Das Oberhaupt sei ein Schmied gewesen, der für die Bauern Hackbeile und Messer hergestellt habe. Von Zeit zu Zeit seien weitere Roma mit ihren Zelten zu dieser Familie gekommen.

„Die Deutschen, sie brachten Juden um, aber auch Zigeuner.“ Eines Tages hätten die Besatzer die Tochter der Roma-Familie geschnappt und erschießen wollen. Diese habe dann begonnen, das Vaterunser zu beten: „Die kleine Zigeunerin kniete nieder und begann „Vater Unser“ zu beten, also wie wir. Und die [die Deutschen] fragten dann: „Bist du denn Christin?“ Sie sagte: „Ich bin Christin.“ Und sie wurde nicht erschossen. Sie blieb am Leben.“ Die Familie des Schmiedes sei danach aus dem Dorf geflohen.

Mikola Petrowitsch konnte uns nicht erläutern, ob die Besatzer zu diesem Zeitpunkt genau wussten, dass es sich bei der jungen Frau um eine Romnij handelte. Ihre Überraschung über den christlichen Glauben der Frau könnte darauf hindeuten, dass die Deutschen sie für eine Jüdin gehalten hatten. Deutlich wurde aus dem Interview aber, dass selbst in diesem kleinen Dorf das Wissen um den Völkermord sowohl an Roma als auch an Juden verbreitet war. Der Dorfvorsteher habe den Deutschen treu gedient und den Dorfbewohnern eingeschärft, sie sollten keine Juden verstecken, weil sie sonst erschossen würden.

 

 

„Man geht ins Bett und denkt sich dabei: ‚Was werde ich wohl träumen? Kommen sie mich abholen oder nicht?‘“

Seine Mutter war Romnija, sein Vater Ukrainer, die Familie habe sesshaft gelebt und sei sich ihres Roma-Hintergrundes kaum bewusst gewesen: „Bis ich erfahren habe, dass die Deutschen Zigeuner erschießen, habe ich mich nicht als Zigeuner empfunden. Wir wuchsen ja zusammen mit ukrainischen Kindern auf, zusammen waren wir auf der Schule“, berichtet uns Iwan Kornijowitsch Bilaschtschenko (geb. 1926) in Tscherkassy.

Schon bevor die Wehrmacht in seinem Heimatdorf einmarschiert war, habe die Familie über die „Volkspost“ gewusst, dass Juden und Roma erschossen werden.

„Man geht ins Bett und denkt sich dabei: ‚Was werde ich wohl träumen? Kommen sie mich abholen oder nicht?`“

Als der Dorfvorsteher ihnen mitteilte, er müsse in die Distriktstadt fahren, weil die Gestapo ihn aufgefordert habe, „Zigeuner“ zu melden, habe die Familie ihm Goldstücke mitgegeben, um die Deutschen zu bestechen. Der Dorfvorsteher habe denn auch gesagt, in seinem Dorf gebe es keine „Zigeuner“. Iwan Kornijowitsch ist davon überzeugt, dass der Dorfvorsteher sein Amt im Interesse der einheimischen Bevölkerung ausgeübt habe: „Ganz bestimmt, auch wenn ich das nicht beweisen kann, wurde er im Auftrag der Partisanen eingesetzt.“ Später sei der Mann von den Deutschen erschossen worden, weil er Juden und Roma geschützt und Verbindungen zu Partisanen gehalten habe. Iwan Kornijowitsch betont allerdings auch, dass seine Familie im Dorf beliebt gewesen sei, “weil wir ehrlich und zivilisiert lebten”. Ausdrücklich hebt er hervor, dass seine Mutter eine “Stachanowka” gewesen sei, also eine hervorragende Arbeiterin. “Sie arbetiete als  Brigadeleiterin in der Kolchose, hatte nur gute Dokumente und pflegte keine Zigeunerbräuche.” Er berichtet uns weiter vom Schicksal naher Verwandter in anderen Ortschaften, die ermordet worden waren.