Völkermord mit rassistischem Charakter

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Während des Zweiten Weltkrieges hat die rumänische Regierung mindestens 25.000 Roma deportiert. Sie wurden aufgrund willkürlich festgelegter Kriterien in das Verwaltungsgebiet Transnistrien gebracht. Dort sorgten die rumänischen Behörden nicht für ihre Versorgung, sondern überließen die Deportierten größtenteils ihrem Schicksal. Viele von ihnen hatten keine feste Unterkunft. Ihr Vermögen war ihnen genommen worden, Arbeitsmöglichkeiten gab es kaum, und sie verfügten über wenig mehr Besitz, als was sie am Leibe trugen. Rund die Hälfte der Deportierten ist in Transnistrien gestorben.

Dieser Völkermord ist innerhalb Rumäniens wenig bekannt, in den betroffenen Gebieten wie auch in Deutschland, das damals mit Rumänien verbündet war, fast gar nicht.

Was ist „Transnistrien“?

Die Bezeichnung „Transnistrien“ ist erst von den rumänischen Besatzern eingeführt worden. Sie bezeichneten damit das Gebiet zwischen den Flüssen Dnestr im Westen und Bug im Osten. Im Süden wurde die Region vom Schwarzen Meer begrenzt, im Norden verlief die Grenze zum rumänisch beherrschten Bessarabien bzw. dem deutsch besetzten Reichskommissariat Ukraine einige Kilometer nördlich von Mohiliv-Podilsk.

In Transnistrien lebten rund drei Millionen Menschen, darunter 311.000 Juden, 300.000 Rumänen und 125.000 „Volksdeutsche“.

Das Gebiet wurde im Abkommen von Tighina am 30. August 1941 unter rumänische Verwaltung gestellt, ohne dass es formell vom rumänischen Staat annektiert wurde. Am 16. 10. 1941 wurde Odessa zur Hauptstadt Transnistriens erklärt, als Gouverneur fungierte Gheorghe Alexianu, zuvor Professor für Verwaltungsrecht in Czernowitz.

Die Deutschen behielten die Aufsicht über die Haupteisenbahnlinie, den Hafen von Odessa und bewahrten sich Sonderrechte in den „volksdeutschen“ Siedlungen, in denen die rumänische Verwaltung praktisch nichts zu sagen hatte.

Hinweis: Der 1990 von Moldau abgespaltene Landesteil, der sich selbst als (international nicht anerkannter) Staat „Pridnestrovje“ bezeichnet, wird in deutscher Übersetzung häufig „Transnistrien“ genannt, hat aber mit dem damaligen rumänisch besetzten Verwaltungsgebiet Transnistrien nichts zu tun.

Zahlen zu den Opfern

Transnistrien war das Ziel umfangreicher Deportationen aus dem rumänischen Herrschaftsbereich. Hierhin wurden 130.000 bis 145.000 Juden aus Rumänien, insbesondere aus Bessarabien und der Bukowina, deportiert. Sie wurden in mehr als 175 Ortschaften, Ghettos, Lagern bzw. Arbeitskolonien untergebracht. Von den Deportierten sind 105.000 bis 120.000 gestorben. In die Ghettos wurden auch die damals in Transnistrien ansässigen Juden gezwungen, von ihnen kamen rund 175.000 ums Leben.

Viele von ihnen wurden Opfer systematischer Erschießungen insbesondere durch die deutschen Einsatzgruppen, die Mehrzahl fiel allerdings den mörderischen Bedingungen zum Opfer, die die rumänischen Behörden in den Ghettos geschaffen hatten.

Die Opferzahlen der Roma können weniger genau angegeben werden. Die Erfassung durch die rumänischen Behörden war nicht präzise genug, außerdem wurden oftmals mehr Familienangehörige deportiert als auf den Listen angegeben. Das lag sowohl an der Willkür der Gendarmerie als auch daran, dass manche Roma sich „freiwillig“ ihren deportierten Verwandten anschlossen. Andere zogen auf eigene Faust nach. Die in Dokumenten festgehaltene Zahl von 25.000 Deportierten, von denen rund 12.500 starben, kann daher nur als Mindestzahl der Opfer aufgefasst werden.

Vorgeschichte der Deportationen: Rassismus und Eugenik


Die Verfolgung der Roma weist in Vielem Ähnlichkeiten mit der Verfolgung der Juden auf. Es gab einige, zum Teil erhebliche, Unterschiede im zeitlichen Ablauf und bei der „Selektierung“ des deportierten Personenkreises, aber die Lebensumstände, die deportierte Roma und Juden vorfanden, waren im Wesentlichen gleich mörderisch.

Inwiefern Roma, wie Juden, von der rumänischen Mehrheitsgesellschaft als „Fremde“, als ethnische oder eher als soziale Minderheit betrachtet wurden, ist unter HistorikerInnen und SoziologInnen heute noch strittig. Genauso die Frage, ob die Entscheidung zur Deportation im Wesentlichen eine „rassische“ oder eine „sozialhygienische“ war, sie also deportiert wurden, weil sie nicht als ethnische Rumänen angesehen wurden, oder weil ihr Sozialverhalten als abweichend und negativ aufgefasst wurde.

Nach dem Stand unserer (Literatur-)Recherchen gehen wir davon aus, dass ein großer Anteil der rumänischen Bevölkerung Roma als Mitbürger und Nachbarn betrachteten, die sich zwar durch ihre Lebensweise und ihre Berufswahl unterschieden, aber deswegen keineswegs als andere „Rasse“ oder ethnische Minderheit betrachtet wurden.

Im Unterschied zu Juden, die bereits ab 1938 Opfer einer antisemitischen Sondergesetzgebung wurden, die sie zunehmend entrechtete, behielten Roma in Rumänien während des Zweiten Weltkrieges sämtliche Bürgerrechte, die ihnen aufgrund ihrer rumänischen Staatsbürgerschaft zustanden – jedenfalls auf dem Papier. Trotz ihrer formellen Gleichberechtigung mit anderen Staatsbürgern schwebte das Damoklesschwert der Deportation über allen Roma im rumänischen Herrschaftsbereich.

Aber zumindest in der politischen und intellektuellen Führungsschicht machte sich der Einfluss der deutschen „Rassenforschung“ bemerkbar, die den Prozess der Entrechtung insbesondere von Juden und Roma im Deutschen Reich pseudo-wissenschaftlich untermauern sollte.

Der Chef des Statistischen Zentralinstituts, Sabin Manuila etwa betrachtete Roma als Gefahr für das eugenische Potential der rumänischen Nation. Im November 1940 behauptete er: „Das Zigeunerprobleme ist das bedeutendste und drängendste rassische Problem Rumäniens.“ Der „Zigeunertypus“ müsse als „unerwünscht“ betrachtet werden, es dürfe nicht zugelassen werden, dass er „unsere rassische Verfassung“ beeinträchtige (zit. nach Dennis Deletant, Hitler’sForgotten Ally. Ion Antonescuand His Regime, Romania 1940-1944, New York
2006, S. 187).

Im Februar 1941 forderte der rumänische Diktator Marschall Ion Antonescu erstmals Maßnahmen gegen Roma. Er forderte die Zwangsansiedlung der Roma von Bukarest in geschlossenen Ortschaften östlich Bukarests. Das wurde nicht umgesetzt. Aber die Eroberung Transnistriens gab der rumänischen Regierung die Gelegenheit, das Land als „Abladeplatz“ für die unerwünschten Roma wie Juden zu nutzen.

Unabhängig davon, welche Rolle bei der Legitimierung und Durchführung der Deportationen biologisch begründeter und sozial begründeter Antiziganismus jeweils spielten: Für die Deportierten selbst machte das keinen Unterschied. Der Historiker Viorel Achim verweist sowohl auf die „sozialhygienische“ Begründung der Maßnahme als auch auf den Bezug zur Politik einer „ethnischen Säuberung“ und bezeichnet die Deportationen als „im Ergebnis rassistische Maßnahmen“ (Romanian Memory of the Persecution of Roma, in: Roma and Sinti. Under-Studied Victims of Nazism, Washington 2002).

Vizepremier und Außenminister Mihai Antonescu sagte am 3. Juli 1941: „Wir befinden uns im historisch günstigsten Augenblick … für eine völlige ethnische Entfesselung, für eine nationale Revision und für die Reinigung unseres Volkes von allen seiner Seele fremden Elementen. Diese ethnische Reinigungsaktion wird in der Entfernung oder Isolierung aller Juden in Arbeitslagern und anderen Orten bestehen, von woher sie keine schlechten Einflüsse ausüben können, ebenso auch aller anderer Volksfremder, deren Einstellung zweifelhaft ist.“ (zit. Nach Svetlana Burmistr, Transnistrien, in: Wolfgang Benz, Barbara Distl (Hg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 9, München 2009, S. 390 – 416,
hier: S. 395)

Unterschiede bei den Deportationen von Juden und Roma

Auf zwei doch sehr bedeutende Unterschiede sei hingewiesen:

Es wurden weder alle Roma noch alle Juden deportiert. Die Kriterien unterschieden sich:

Die Deportationen von Roma erfolgten sowohl aus „Alt-Rumänien“ als auch aus den neu bzw. wieder gewonnenen Gebieten Bessarabien und Nord-Bukowina. Juden hingegen wurden zum Großteil aus ebendiesen wieder gewonnenen Gebieten deportiert, während jene in rumänischen Kernland von Deportationen größtenteils verschont blieben.

Die Deportationen betrafen Juden ungeachtet ihrer sozialen Stellung oder persönlichen Biographie. Bei den Roma wurden ausnahmslos alle nomadisierenden deportiert, während bei den Sesshaften bestimmte – aber sehr vage gehaltene – Kriterien angewandt wurden wie Vorstrafen, Arbeitslosigkeit usw.

In Transnistrien ansässige Juden wurden ebenso Opfer von Ghettoisierung und Ermordung wie die Deportierten, während dort ansässige Roma bis auf wenige Ausnahmen keiner spezifischen Verfolgung unterlagen.

Ablauf der Deportationen

Am 17. Juli 1941 befahl der rumänische Marschall und Ministerpräsident Ion Antonescu zunächst die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus den wiedergewonnenen Gebieten Nordbukowina und Bessarabien. Zu diesem Zeitpunkt operierte noch die Wehrmacht in Transnistrien, Odessa war noch nicht erobert, und das deutsche Militär protestierte gegen die rumänischen Pläne, weil es eine Behinderung der Kriegsoperationen befürchtete. An den Übergängen über den Dnestr gab es wochenlang ein Hin und Her, dem mindestens tausend Juden zum Opfer fielen.

Die Deportationen, häufig zu Fuß, glichen Todesmärschen. Die Menschen mussten 30 Kilometer am Tag zurücklegen, in Kolonnen zu 1500, auf freiem Feld übernachten. Lebensmittel sollten sie sich selbst besorgen, was faktisch kaum möglich war. Wer nicht weitergehen konnte, wurde erschossen. In der Nähe der Flussübergänge wurden Transitlager eingerichtet,. Die Juden wurden nicht versorgt, hatten keine Lebensmittel, die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, es mangelte an Wasser und Medikamenten.

Im September 1941 begannen dann die Deportationen über den Dnestr. Zunächst sollte Bessarabien (im Wesentlichen das heutige Moldau) „judenfrei“ werden. Die Deportation der Juden aus der Bukowina begann einen Monat später, also im Oktober. Die Juden aus Czernowitz etwa wurden überwiegend mit der Eisenbahn transportiert. Tausende kamen auch hierbei um: Hunger, Kälte, Krankheiten, die Menschen wurden, auch von der einheimischen Bevölkerung beraubt, vergewaltigt, es gab willkürliche Erschießungen.

Deportationen von Roma


Der Direktor des Statistischen Amtes Sabin Manuila legte Ion Antonescu im Oktober 1941 ein Konzept zur „ethnischen Homogenisierung“ Rumäniens vor. Das enthielt zum einen die Ausweisung bzw. Vertreibung von nationalen Minderheiten in ihre jeweiligen „Heimatländer“ und die „Rückholung“ ethnischer Rumänen von dort. „Das jüdische Problem sowie das Zigeunerproblem fällt nicht in den Lösungsrahmen des Bevölkerungsaustausches, sondern soll durch einen einseitigen Transfer gelöst werden.“ Diese Möglichkeit war mit der Eroberung der sowjetischen Gebiete eröffnet worden. Während die Deportationen der Juden damals bereits in Gang waren, begannen die Deportationen von Roma im Jahr 1942.

Zur Vorbereitung fand im Mai 1942 eine Zählung statt, um die im Land lebenden Roma zu erfassen. Antonescu hatte angeordnet, bestimmte Kategorien von Roma, die „ein Problem“ darstellen könnten, zu deportieren. Die Polizei sollte deswegen auf den Listen vermerken, welche Roma als „gefährlich und unerwünscht“ galten, als „Gefahr für die öffentliche Ordnung“. Die Kriterien waren vage und eröffneten der Polizei vor Ort großen Spielraum, was Willkür mit sich brachte. In der Regel fielen Vorbestrafte, Wiederholungstäter und Arbeitslose in die Kategorie der „Unerwünschten“. Es kam aber auch vor, dass sesshafte Roma, die während der warmen Jahreszeit als Handelsreisende oder Handwerker durchs Land zogen, fälschlich als „Nomadisierende“ eingestuft und ebenfalls deportiert wurden.

Die Deportationen erfolgten in zwei Schüben:

Von Juni bis August 1942 wurden zunächst alle rund 11441 erfassten „nomadisierenden Zigeuner“ deportiert, sowohl aus sechs Landkreisen Alt-Rumäniens als auch aus Bessarabien und der Nordbukowina. Sie wurden in ihren eigenen Wagen nach Transnistrien gezwungen, wo ihnen Pferd und Fuhrwerk weggenommen wurden. Interniert wurden sie in den Kreisen Balta, Golta, Oceacov und Beresovka.

Ab Mitte September begann die Deportation von rund 13.176 „sesshaften und halb-sesshaften Zigeunern“, die als „gefährlich und unerwünscht“ definiert wurden.

Jeweils knapp die Hälfte der Deportierten waren Kinder. Ihr Besitz wurde als „herrenlos“ erklärt und dem Staat übertragen.

Familien, deren männliche Angehörige in der rumänischen Armee dienten, sollten eigentlich von der Deportation verschont bleiben, was aber oftmals nicht eingehalten wurde. Es kam auch vor, dass Angehörige der türkischen oder ungarischen Minderheit fälschlicherweise deportiert wurden. Einigen von ihnen gelang später die Rückkehr. Zu den tragischen Besonderheiten gehört auch, dass manche Romafamilien sich freiwillig der Deportation anschlossen – entweder, weil sie im Familienverbund bleiben wollten, oder weil sie den Versprechungen, in Transnistrien warteten Grundstücke und Arbeitsmöglichkeiten, Glauben schenkten.

In der rumänischen Bevölkerung lösten die Deportationen einige Proteste aus. Dorfbürgermeister, Pfarrer und Nachbarn wie auch manche Politiker, insbesondere der Liberalen Partei, setzten sich für ihre Roma-Mitbürger ein. Diese Solidarität galt allerdings fast ausschließlich den sesshaften Roma (die z. T. als Hufschmiede von den Bauern benötigt wurden) und blieb im Ergebnis nahezu wirkungslos.

Lager und Ghettos in Transnistrien


Entsprechend der Zahl der Deportierten waren auch die meisten Ghettos mit Juden gefüllt. Darunter waren sehr große wie Mogiliw-Podilsk mit über 54.000 Deportieren (Stand Mai 1942).

Die Ghettos in Transnistrien unterschieden sich häufig von jenen, die die Deutschen in ihren Besatzungsgebieten geschaffen hatten. Es gab in Transnistrien keine einheitliche Lagerordnung, es hing viel von der Willkür – oder dem partiellen Wohlwollen – der örtlichen Machthaber ab. Deren Korruptionsbereitschaft war nach Berichten der Überlebenden höher als diejenige von SS-Offizieren in deutsch-kontrollierten Ghettos.

Die Begriffe Ghetto, Lager, Kolonien wurden von der rumänischen Verwaltung nicht strikt voneinander getrennt. Sie alle wurden bewacht, wenn auch nicht immer besonders strikt. Manche waren ehemalige Kolchosen, manche waren Internierungslager, manche waren bestimmte Viertel in einer Stadt. Mit der Zeit etablierte sich als offizielle Bezeichnung „Kolonie“ – ein reiner Euphemismus.

Zur Versorgung wurde erklärt, dass die Lebensmöglichkeit „auf eigene Rechnung und durch Arbeit sich finden muss“. Der Gouverneur wies an: „Die Juden müssen sich selbst durch Arbeit ernähren und versorgen.“ Ähnlich wurde es auch den Roma verkündet – nur dass weder Juden noch Roma die Chance gegeben wurde, tatsächlich einer ausreichend bezahlten Arbeit nachzugehen.

Es gab kaum Verdienstmöglichkeiten, es fehlte überall an ausreichender Versorgung. Die Hilfslieferungen aus Rumänien, die 1942 begannen, genügten nicht. Es mangelte an Kleidung, teilweise auch an festen Unterkünften. Es gab kein Heizmaterial und kaum medizinische Versorgung. Die fürchterlichen hygienischen Verhältnisse führten zum Ausbruch von Epidemien. Die Menschen erfroren, verhungerten, starben an Krankheiten.

Die Mehrzahl der Roma wurden in den südöstlichen Landesteil Transnistriens verschleppt, in die Bezirke Balta, Beresovka, Golta und Oceakov und entlang des Bug. In den zwei Landkreisen Oceacov und Beresovka wurden von Herbst 1942 bis Frühjahr 1943 über 10.000 tote Roma gezählt. Die provisorischen Lager bestanden teilweise nur aus Erdhütten oder Baracken. Die Glücklicheren hatten Häuser, aus denen die rumänischen Behörden die ukrainischen Einwohner vertrieben hatten. Aber im Winter waren sie gezwungen, mangels Heizmöglichkeiten die Häuser nach und nach zu verfeuern oder bei den Nachbarn betteln zu gehen. Teilweise wurden auch ganze Dörfer für Roma von Ukrainern evakuiert.

Teilweise wurde ihnen zwar erlaubt, in Nachbardörfer zu gehen, um sich zu versorgen oder Arbeit zu finden, aber für die meisten war das keine Option: Die Gegend war viel zu gering besiedelt, und den Roma fehlte es häufig an praktischer Erfahrung in der Landwirtschaft. Einigermaßen durchschlagen konnten sich manche Spezialisten wie etwa Schmiede.

Zur Versorgung waren auf dem Papier Rationen festgelegt, die aber nicht eingehalten wurden.

Ein Polizeibeamter beschrieb im Dezember 1942 die Situation der Roma im Bezirk Oceacov folgendermaßen:

„…die Roma lebten in unglaublichem Elend. Sie bekamen nicht genug zu essen; nur 400 Gramm Brot für die Arbeitsfähigen, und 200 Gramm für die Alten und Kinder. Sie bekamen auch ein paar Kartoffeln und, sehr selten, gesalzenen Fisch, aber nur in sehr geringen Mengen. … einige Roma – und zwar die Mehrheit – wurden so dünn das sie fast nur noch Skelette waren. Zehn bis fünfzehn von ihnen starben täglich … Sie haben keine Kleidung und gehen nahezu nackt herum, ohne Unterwäsche und Schuhe … Seife haben sie seit ihrer Ankunft niemals erhalten, und im Ergebnis konnten sie sich weder selbst waschen noch das eine Hemd, das sie besitzen…“ (zit nach Deletant, Ally, S. 193).

Die rumänische Verwaltung hatte auch deswegen keine Vorsorge für die Versorgung der Roma getroffen, weil sie darauf setzte, die Roma noch weiter östlich, ins deutsch besetzte Reichskommissariat Ukraine, abschieben zu können. Das ließen die Deutschen allerdings nicht zu, und es hätte auch dort nur ihren Tod bedeutet:

In Transnistrien ließen die rumänischen Behörden die Roma nahezu unversorgt und bewirkten dadurch den Tod Tausender. Es gab aber keine Massenexekutionen von Roma. So hatte die Hälfte von ihnen die Chance, zu überleben. Wo die Deutschen herrschten, war diese Chance dramatisch geringer: Sie machten systematisch Jagd auf Roma und brachten sie gezielt um.

Deutsche Verantwortung


Das Deutsche Reich und das Königreich Rumänien unter dem Diktator Marschall Ion Antonescu waren Verbündete. Rumänien beteiligte sich am Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion in der Hoffnung auf Gebietserweiterungen. Insbesondere sollten die 1940 zwangsweise an die Sowjetunion abgetretenen Gebiete Nordbukowina und Bessarabien wiedergewonnen werden.

Wenn auch Rumänien die meiste Zeit die Oberaufsicht über weite Teile Transnistriens inne hatte, so begingen die deutschen Truppen vor allem in den ersten Monaten mehrere zehntausend Morde, ehe das Gebiet im Laufe des Spätsommers 1941 an Rumänien übergeben wurde. Danach ermordeten die Verbände des sog. Volksdeutschen Selbstschutzes weitere Tausende Juden.

Unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht rückten die Einsatzkommandos an und begingen Massaker an der jüdischen Bevölkerung. Anfangs wurden gezielt Kommunisten und Funktionsträger ermordet. Im August 1941 gab der Leiter der Einsatzgruppe D, Otto Ohlendorf, das Motto aus: „Von jetzt ab Endlösung der Judenfrage, und das bedeutet Liquidation.“ (Burmistr, Transnistrien, S.396).

Die systematische Ermordung sämtlicher Juden, also auch von einfachen Männern, Frauen und Kindern durch die deutschen Einsatzgruppen begann in der Südostukraine Mitte August in der Kleinstadt Beresowka, rund 90 Kilometer nördlich von Odessa. „Dort fand die erste Judenaktion in zahlenmäßig größerem Umfang statt“, gab später ein SS-Mann zu Protokoll (Ralf Ogorreck, Die Einsatzgruppen und die „Genesis der Endlösung“, Berlin 1996, S. 205). Mitte August erreichte das Sonderkommando 10a die Stadt.

Ein anderer SS-Mann, ein Sturmbannführer Bock, bestätigt das: „Einen deutlichen Eindruck in meinem Gedächtnis hat Beresowka hinterlassen. Dort fand die erste Judenaktion in zahlenmäßig größerem Umfang statt.“ (Quelle: Ralf Ogorreck, Die Einsatzgruppen und die „Genesis der Endlösung“, Berlin 1996, S. 205)

In Dubossary ließ das Einsatzkommando 12 im Rahmen einer „Befriedungsaktion“ Gruben ausheben, die angeblich der Lagerung von Gemüse für den Winter dienen sollten. Tatsächlich dienten sie als Massengrab für 2500 Juden, die am 12. 9. 1941 wurden vom Einsatzkommando und rumänischer Gendarmerie zusammengetrieben und erschossen wurden.

„In Transnistrien ermordeten die Einsatzgruppe D und ihre Helfer in den sechs Wochen der Ermordungsaktionen zwischen 50.000 und 60.000 einheimische ukrainische Juden.“ (Burmistr, Transnistrien, S. 397).

„Volksdeutscher Selbstschutz“


Eine besondere Rolle hatten die sogenannten Volksdeutschen. Es gab in Transnistrien 228 Dörfer, in denen die Nachfahren deutscher Einwanderer mehr oder weniger geschlossen angesiedelt waren. In diesen Dörfern wurde von den Nazis der sog. Volksdeutsche Selbstschutz (VDS) aufgestellt. Dem gehörten 8000 bis 9000 Mann an, die dem Sonderkommando R (für Russland) unterstanden, unter Führung des SS-Standartenführers Horst Hoffmeyer. Die Gesamtbetreuung der deutschen Siedlungen oblag der Volksdeutschen Mittelstelle in Berlin, die der SS unterstand. Faktisch waren die deutschen Siedlungen in Transnistrien, obwohl mitten im rumänischen Verwaltungsgebiet liegend, deutsche Enklaven, die sich der rumänischen Kontrolle entzogen.

Der Volksdeutsche Selbstschutz ermordete Deutsche, die Mitglieder der kommunistischen Partei waren oder höhere Funktionen in der sowjetischen Verwaltung innehatten. Er machte in seinem Herrschaftsgebiet rücksichtlos Jagd auf Juden, die sich den vorangegangenen Mordaktionen der Einsatzkommando hatten entziehen können. „Es ist kein Fall bekannt, wonach ein untergetauchter Jude überlebt hat.“ (Andrej Angrick, Zur Bedeutung des ‚Sonderkommandos R‘ und des ‚Volksdeutschen Selbstschutzes‘ bei der Ermordung der Juden in Transnistrien, in: Wolfgang Benz; Brigitte Mihok (Hrsg.): Holocaust an der Peripherie: Judenpolitik und Judenmord in Rumänien und Transnistrien 1940 – 1944, Berlin 2009, S. 81-93, hier: S. 87).

Ende 1941 begann die rumänische Verwaltung damit, die überlebenden Juden von Odessa in die deutschen Siedlungsgebiete „abzuschieben“. Die Deutschen, mit denen diese Maßnahme nicht abgesprochen war, wollten unbedingt verhindern, dass sich Juden auf „ihr“ Siedlungsgebiet bewegten. Im Januar 1942 erschossen sie zunächst 3000 Juden im Bereichsbezirk von Worms, dabei handelte es sich großteils um solche, die hilflos am Wegesrand liegen geblieben waren. Viele tausend weitere Juden wurden von den Deutschen in den Bezirk Beresowka geleitet, um sie dort zu ermorden. Unter Beteiligung des VDS wurden sie mit Genickschüssen hingerichtet und verbrannt. Neben Beresowka war auch die Ortschaft Mostovoi ein solcher Schauplatz des Massenmordes. Nach Angaben des deutschen Außenministeriums wurden im Winter 1941/42 auf volksdeutschem Gebiet rund 28.000 Juden ermordet.

In der Folge gab es eine Art Arbeitsteilung: Rumänen deportierten Juden in die deutschen Siedlungsgebiete, wo diese kurzfristig als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, um dann vom VDS erschossen zu werden. Im März, Mai und Herbst 1942 gab es allein im Bereich Beresowka weitere Massenexekutionen.

Auch die „Volksdeutschen“ waren keine einheitliche Masse. Die Nazis beklagten sich bisweilen, die Volksdeutschen zeigten zu viel „Passivität“ beim Verfolgen und Ermorden von Juden. Zu Widerstand gegen die Morde hat es allerdings nicht gereicht, lediglich bisweilen zu verbaler Empörung: „Solch eine Schweinerei“ hätten „die Bolschewiken in zwanzig Jahren nicht gemacht, was diese in wenigen Monaten getrieben haben“, formulierte der aus Siebenbürgen nach Transnistrien versetzte Pfarrer Hermann Binder in Blick auf die Mordaktionen der SS. (zit. Nach Frank Görlich, Volkstumspropaganda und Antisemitismus in der Wochenzeitung ‚Der Deutsche in Transnistrien‘ 1942-1944, in: Benz/Mihok, Peripherie, S. 95-110, hier: S. 100.).

Immer wurden Juden zudem von den rumänischen Behörden zur Zwangsarbeit für die deutschen Besatzer ins Reichskommissariat übergeben – in aller Regel waren dies Todeskommandos, weil die Deutschen die Zwangsarbeiter nach Erledigung der Arbeiten ermordeten.

Mörderische Arbeitsteilung: Das Massaker von Odessa


In Odessa lebten 1939 laut Volkszählung 200.000 Juden, das waren 30 Prozent der Stadtbevölkerung. Beim Einmarsch von Deutschen und Rumänien waren es noch ungefähr bis zu 120.000. Nach einem Bombenattentat auf das rumänische Hauptquartier am 22. 10. 1941 wurden als Vergeltung 25.000 bis 30.000 Juden ermordet: Die Rumänen erschossen, erhängten und verbrannten sie.

In einem Gespräch mit Gouverneur Alexianu erkundigte sich Marschall Ion Antonescu am 16. Dezember 1941, wie viele „Jidden“ er in Odessa habe. Auf die Antwort, an die 100.000, kommentierte Antonescu:

„Pack them into the catacombs, throw them into the Black Sea, but get them out of Odessa.
I don’t want to know. A hundred can die, a thousand can die, all of them can die … Remove the Yids, then, from Odessa.” (zit. nach Dennis Deletant, Hitler’sForgotten Ally. Ion Antonescuand His Regime, Romania 1940-1944, New York 2006, S. 176).

Die Überlebenden wurden Anfang Januar in die Lager Golta und Beresowka gebracht, wo die meisten ebenfalls starben. Untergebracht waren sie teilweise in Schweineställen, ihre Versorgung wurde nicht sichergestellt.

Nachdem dort Typhus ausgebrochen war, sorgten sich die Deutschen, die Epidemie könnte sich auf die Wehrmacht auf der anderen Seit des Bug und auf die volksdeutschen Siedlungen in Transnistrien ausbreiten. Sie forderten deswegen, Rumänien solle „dringend geeignete Maßnahmen“ ergreifen. Die Rumänen exekutierten daraufhin Tausende. In Bogdanowka wurden am 21. 12. 1941 4000 bis 5000 Kranke, Alte und Kinder in Ställe gesperrt, die dann angezündet wurden. Weitere 30.000 wurden erschossen. Beteiligt an den Exekutionen waren neben rumänischen Gendarmen auch die ukrainische Polizei, lokale Freiwillige und der Volksdeutsche Selbstschutz.

Befreiung und Entschädigung


Anfang 1944 näherte sich die Rote Armee Transnistrien. Zusammen mit der rumänischen Armee drängten auch die deportierten Roma zurück nach Rumänien, wo sie erst in Arbeitslagern interniert werden wollten, was aber an ihrem Widerstand scheiterte. Es wurde ihnen schließlich erlaubt, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren. Nach dem Sturz Antonescus (August 1944) erhielten sie ihre beschlagnahmten Häuser größtenteils zurück, jedoch nicht das gestohlene bewegliche Eigentum und Vieh. Auch für das vor oder während der Deportation beschlagnahmte Vermögen – darunter häufig Goldvorräte – gab es keine Entschädigung.

Ein rumänisches Gesetz gesteht den Opfern der Deportationen eine bescheidene Rente von mindestens rund 50 Euro monatlich zu. Nach Angaben des Projektes –Roma-Survivors scheitern aber Roma häufig an den Behörden, wenn sie entsprechende Anträge stellen.

Eine weitere Entschädigung gab es durch die deutsche Bundesstiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) für diejenigen, die Zwangsarbeit leisten mussten. Die ausgezahlten Beträge beliefen sich im Höchstfall auf rund 7500 Euro.

Für einige Betroffene kommen außerdem die Regelungen des deutschen Ghettorentengesetzes in Betracht: Wer in einem Ghetto in Transnistrien einer Arbeit nachging, die keine Zwangsarbeit war, und zudem mindestens fünf Jahre Beitragszeiten für die Rentenversicherung nachweisen kann, erhält eine zwei- bis dreistellige Rentenzahlung aus der Deutschen Rentenversicherung. Seit 2009 gilt diese Regelung ausdrücklich auch für Ghettos in Transnistrien. Zu diesem Zeitpunkt lebten allerdings nur noch sehr wenige Deportierte. Vielen von ihnen – z. T. handelt es sich um Analphabeten – fällt der Nachweis der Beitragszeiten und das Ausfüllen der Formulare schwer. Unterstützung erhalten sie vom Projekt Roma-Survivors (roma-survivors.ro).

Erinnerung


Historiker haben sich einer Auseinandersetzung mit dieser Geschichte lange entzogen. Besonders gravierend sind die Erinnerungslücken in Moldau, obwohl die bessarabischen Roma zu den Deportierten gehörten, und in der Ukraine, wo sich die Ghettos befunden hatten.

Im realsozialistischen Rumänien wurde über die Frage der eigenen, rumänischen Verantwortung meist hinweggesehen und die Schuldigen entweder dem Deutschen Reich oder der Minderheit der „Eisernen Garde“ zugeschrieben. Die Morde in Bessarabien, der Bukowina und Transnistrien wurden nicht erörtert.

In den 90er Jahren wurde gar die Rolle des Diktators Antonescu umgedeutet. Führende Politiker und Wissenschaftler verteidigten ihn als Helden, spielten die Zahl seiner Opfer herunter oder behaupteten gar, Rumänien habe sich lediglich verteidigt.

Einige wenige Historiker haben sich in den 1990er Jahren daran gemacht, die Geschichte aufzuarbeiten. Nachdem führende rumänische Politiker wiederholt geleugnet hatten, es habe in Rumänien einen Holocaust gegeben (dabei wurde teilweise beckmesserisch „argumentiert“, Transnistrien sei ja kein Teil Rumäniens gewesen), setzte der rumänische Präsident im Jahr 2003 unter internationalem Druck eine Historikerkommission unter Leitung von Elie Wiesel ein. Die Kommission stellte 2004 ihren „Abschlussbericht“ vor, der unzweideutig eine Täterschaft Rumäniens am Holocaust feststellte und auch auf die Deportationen von Roma einging.

2006 wurde der Grundstein für ein Holocaust-Mahnmal in Bukarest gelegt, das 2009 fertiggestellt wurde. Es ist sowohl der Ermordung der Juden als auch der Roma gewidmet, allerdings mit Schwerpunkt auf dem Völkermord an der jüdischen Bevölkerung.

Dennoch führt die wissenschaftliche Erforschung des Genodzis an Roma bis heute ein Nischendasein. Noch größere Defizite gibt es, was die kollektive Erinnerung angeht. Und selbst wenn es eine Ahnung von den Verbrechen gibt, die Roma angetan wurden, wird diese oft genug von Ressentiments gegen diese Minderheit überlagert. Im Schulunterricht und im öffentlichen Diskurs kommt dieser Genozid bis heute kaum vor.

In Moldawien und der Ukraine ist es um die kollektive Erinnerung noch schlechter bestellt, hier gibt es auch kaum eine wissenschaftliche Erforschung.

In Moldawien gibt es zwei miteinander konkurrierende geschichtspolitische Erzählungen: Die rumänistische, die die Mehrheitsbevölkerung als Teil der rumänischen Nation sieht und in letzter Konsequenz für eine Vereinigung des Landes mit Rumänien eintritt, und die moldowanistische, die die Eigenständigkeit einer moldauischen Nation betont. Beide bevorzugen eine ethnische Lesart der Nation, die dem Schicksal der ethnischen Minderheiten während des Zweiten Weltkrieges nur geringes Interesse entgegenbringt. Die rumänistische Lesart neigt dazu, die Verbrechen der rumänischen Herrschaft, auch während des Zweiten Weltkrieges, zu verharmlosen, um kein schlechtes Licht auf Rumänien zu werfen. Die moldowanistische Lesart verschweigt zwar nicht die Verbrechen an Juden und, in geringerem Rahmen, an Roma, spricht aber bevorzugt von rumänischen Tätern, die nach der „Besetzung“ Moldawiens durch Rumänien die Verbrechen begangen hätten – damit wird die Mitschuld der Einwohner Moldaus quasi nach außen exportiert, die Täter ausschließlich zu Fremden gemacht. (Stefan Ihrig, Der transnistrische Holocaust in den Schulbüchern der Republik Moldova, in: Benz/Mihok, Peripherie, S. 225-239)

Auch in der Ukraine gibt es seit 1990 eine stark nationalistische Geschichtspolitik. Zwischen der Erinnerung an den die sowjetische Herrschaft – Unterdrückung für die einen, Befreiung für die anderen – bleibt wenig Platz für die Erinnerung an ethnische Minderheiten. Wie auch in Moldawien ist zudem die Neigung gering, sich Fragen nach der Kollaboration von Einheimischen zu stellen, die dem Opfer- oder Heldenmythos der eigenen Nation abträglich sein könnten. Die kriegerische Eskalation im Donbass ist einem Interesse an solchen historischen Fragen ebenfalls absolut abträglich.