Expertinnen und Experten

Maksim Dschum
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ist unser Projektpartner von der Organisation „Planet der guten Menschen“ Er ist evangelischer Pastor und ist in der Oblast Odessa als eine Art Sozialarbeiter für Roma tätig.
Im Interview stellte er uns das Integrationsprogramm vor, das er mit ehrenamtlichen AktivistInnen durchführt: Weil nicht alle Roma Russisch oder Ukrainisch können, wird ihnen eine Art Alltagstraining angeboten, bei dem sie etwa beim Einkaufen begleitet werden und im Geschäft sämtliche Begriffe durchgehen, die man beim Einkaufen benötigt.
Maksim schilderte uns mehrere spezifische Problemlagen und Diskriminierungen, denen sich Roma gegenübersehen. So gibt es etwa immer wieder Schulleiter, die Roma-Kindern den Zugang zu Schulen verwehren, oder Lehrer, die sich schlichtweg nicht um sie kümmern. An anderen Schulen hingegen gibt es Roma, die die internen Schul-Olympiaden gewinnen.
Auf Diskriminierungen stoßen Roma auch auf dem Arbeitsmarkt. Zwar ist die Arbeitsmarktlage in der ganzen Ukraine und für alle Einwohner schwierig, aber es kommt vor, dass Arbeitgeber offene Stellen lieber unbesetzt lassen als sie an einen Rom zu vergeben, bzw. warten, bis sich (ethnische) Ukrainer bewerben. Ärzte versuchen mitunter, den Wohlhabenderen unter den Roma überteuerte Behandlungen oder Medikamente anzudrehen.
Verlässliche Statistiken über die Zahl der Roma in der Ukraine gibt es nicht. Bei Volkszählungen ziehen es viele Roma vor, ihre Nationalität zu verschweigen bzw. sich als Bulgaren oder andere Minderheiten auszugeben, um nicht Benachteiligungen auf sich zu ziehen.

Sergej Ermoshkin
(Sinto-Name: Niko Rergo)

Sequenz 020003ist unser anderer Projektpartner in Odessa. Er vertritt den Roma-Kongress der Region Odessa. Seine Vorfahren sind deutsche Sinti, die vor rund 200 Jahren ins damalige Russische Reich ausgewandert waren. Im Interview am Bug schilderte er uns die unterschiedlichen Bedingungen, in denen die deportierten Roma leben mussten. Einige wurden beispielsweise in Häuser ukrainischer Familien einquartiert, die wiederum zu Verwandten ziehen mussten. Es gab aber keinerlei Versorgung, so dass sie gezwungen waren, die Häuser nach und nach abzubauen, um Brennholz zu gewinnen. Andere wurden in Baracken untergebracht, Niko nannte uns ein Beispiel, in dem Roma einfach nur in einen Wald gebracht wurden und sich dort Erdlöcher graben mussten, in denen sie vegetieren sollten.

Manchmal sollten Roma auf Kolchosen bzw. Sowchosen arbeiten. Allerdings waren die dortigen ukrainischen Bauern ja auch noch da, und die meisten Roma hatte überhaupt keine Erfahrungen mit Landwirtschaft, so dass Konflikte vorprogrammiert waren.
In der mündlichen Überlieferung gebe es immer wieder Hinweise auf Massenmorde an Roma, die aber in schriftlichen Dokumenten nicht festgehalten worden seien. Die Leute haben es gesehen, die Überlebenden haben berichtet, aber in den Akten gibt es diese Morde nicht.
Während der Sowjetherrschaft habe es praktisch keine Aufarbeitung gegeben. Über die Rolle Rumäniens als Verbündeter der Nazis wurde nicht gesprochen.

Mikhail Tyaglyy
Tiaglyy

Forscher im Ukrainischen Zentrum für Holocaust-Studien in Kiew. Das Zentrum widmet sich seit einigen Jahren auch der Erforschung des Völkermords an Roma während der deutsch-rumänischen Besatzung der Ukraine. Mikhail Tyaglyy führte in dem Interview mit uns aus, dass die Dynamik und Radikalisierung der Verfolgung von Juden auch bei der Verfolgung von Roma festzustellen sei – mit einer ungefähr einjährigen Verzögerung. Sowohl Wehrmacht als auch Einsatzgruppen und deutsche Polizeiverbände hätten ab 1942 systematische Mordaktionen an Roma durchgeführt.
Für Roma gab es vier  Überlebensstrategien:
In die Wälder gehen
sich sowjetischen oder polnischen Partisanenverbänden anschließen
von einheimischen Bauern versteckt zu werden (was es dort gab, wo es bereits vor dem Krieg
gute Beziehungen zwischen Roma und Ukrainern oder Polen gab)
Schutz durch Dorfbürgermeister, die den Deutschen erzählten, es gebe keine Roma (Verschleierung der Identität)

Zur Erinnerungspolitik in der Ukraine sagte er, dass der 2. August zwar zum staatlichen Gedenktag der Ermordung von Roma erklärt worden sei, aber nur  in drei Gemeinden Gedenkzeremonien stattfänden.  Schulbücher geben kaum Auskunft (bestenfalls eine Aufzählung von Opfergruppen). Das Besondere am deutschen Rassenwahn wird darin nicht herausgearbeitet. Tyaglyy betonte, dass der Staat zu aktiver Gedenkpolitik gedrängt werden müsse. Als wichtigste Aufgabe der Erinnerungsarbeit bezeichnete er die Markierung von Erschießungsstätten.

Irina Zhupak
IrinaIrina Zhupak wurde von uns in ihrer Funktion als Vorsitzende der Organisation “Moldau ohne Nazismus” befragt. Sie ist zugleich Abgeordnete der Fraktion der Partei der Kommunisten im moldauischen Parlament.

Sie sprach mit uns über nationalistische und diskriminierende Tendenzen in ihrem Land. Obwohl nationale Minderheiten rund 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen – größtenteils Russen – werden ihre Rechte etwa auf Unterricht in ihrer Sprache beschnitten. Auch die in der Verfassung verankerte Einbindung der nationalen Minderheiten in Verwaltungsmaßnahmen, von denen sie betroffen sind – z. B. Schulschließungen – werde häufig verletzt.

Rumänistische Nationalisten forderten gar einen Anschluss an Rumänien. Es gebe kein gesetzliches Verbot rassistischer und ausgrenzender Hassreden. Parolen wie „Koffer, Bahnhof, Russland“ seien nicht sanktioniert. Was das Allgemeinwissen über den Holocaust angeht, gebe es Unterschiede vor allem zwischen der moldawisch- und russischsprachigen Bevölkerung, die mit Unterschieden im Schulunterricht korrespondieren. Im moldawischsprachigen Unterricht komme der Holocaust praktisch nicht vor. Sie zeigte uns ein Geschichtsbuch für die elfte Klasse aus dem Jahr 2011, das vier Seiten über das Antonescu-Regime informierte, ohne ein einziges Wort über die 300.000 Juden und Roma zu verlieren, die nach Transnistrien deportiert worden waren. Auch manche Historiker behaupteten heute noch, der Holocaust habe nur in Deutschland bzw. den von Deutschland besetzten Gebieten stattgefunden, Rumänien habe damit nichts zu tun.

Doina Ioana Straisteanu

Menschenrechtlerin1

Mitglied der moldauischen Gleichheitsbehörde (equalitybody). Die Behörde untersucht Fälle von Diskriminierungen.
Im Interview machte sie auf die rassistische Haltung der Durchschnittsbevölkerung aufmerksam.

 Insbesondere negative Stereotypen (“die klauen alle” usw.) aber auch die Trennung und Schlechterbehandlung von Roma in Schulklassen sind als besondere Problemfelder zu benennen. Es gibt häufig Fälle, wo Arbeitgeber keine Roma einstellen wollen, Restaurantbesitzer, die am Telefon noch eine Hochzeitsgesellschaft bestätigt haben, auf einmal ausgebucht sind, wenn sie feststellen, dass die Gäste Roma sind usw.
Wenn Ioana Straisteanu auf Fälle rassistischer Diskriminierung aufmerksam wird, kann ihre Behörde eine Strafe aussprechen. Ein großes Problem ist allerdings, dass Roma sich kaum aktiv über Diskriminierung beschweren – zum Teil aus Furcht vor noch stärkerer Diskriminierung. Ihre Hoffnung: der Begriff „Zigeuner“ wird 2020 nicht mehr als Beleidigung verwendet.

Ion Duminica

domimikaChef der Abteilung für ethnische Minderheiten im Zentrum für Ethnologie der Akademie der Wissenschaften in Chisinau/Moldau. Er ist der mit Abstand engagierteste Erforscher des Roma-Genozids in Moldau. In dem Interview ging Ion Duminica auf Details zu Deportationen ein. Er erläuterte die Propaganda der rumänischen Regierung: Sie sagten den Roma, dass sie  zur Arbeit nach Transnistrien kommen. Tatsächlich haben sie eine menschenleere Gegend vorgefunden.Chef der Abteilung für ethnische Minderheiten im Zentrum für Ethnologie der Akademie der Wissenschaften in Chisinau/Moldau. In dem Interview ging Ion Duminica auf Details zu Deportationen ein. Er erläuterte die Propaganda der rumänischen Regierung: Sie sagten den Roma, dass sie  zur Arbeit nach Transnistrien kommen. Tatsächlich haben sie eine menschenleere Gegend vorgefunden. Es gab drei Probleme, die für viele Roma den Tod brachten: Kälte, Hunger und Krankheiten. Um Nahrung zu bekommen, hätten die Roma zwingend die Lager verlassen müssen.  Dabei  aber war  das Risiko groß, erschossen zu werden. Als Problem für die Wissenschaft bezeichnete er die Unzuverlässigkeit der offiziellen bzw. historisch belegten Zahlen. Weder die Zahl der deportierten Roma noch die der Rückkehrer sei damals exakt erfasst worden. Die belegte Zahl von 25.000 Deportationen sei damit lediglich die untere Grenze.

Irina Schichowa
Holocaustmuseumsleiterinist Leiterin des jüdischen Museums in Chisinau. Die Ereignisse im damaligen Bessarabien (heute Moldau) sind dermaßen schlecht erforscht, dass sie sie als „weißen Fleck“ in der Holocaust-Forschung bezeichnet. Sie stellte uns die mörderischen Bedingungen vor, denen Juden in Transnistrien und während der Deportation ausgesetzt waren. In manchen Lagern sei nahezu die gesamte Bevölkerung ausgelöscht und durch andere Deportierte ausgetauscht worden, die dann ebenfalls ermordet wurden.

Ausdrücklich sprach sie sich dafür aus, die Erfahrungen von Roma und Juden während des Zweiten Weltkrieges im Zusammenhang zu betrachten: Sie seien „Teil unserer gemeinsamen Holocaust-Geschichte“. Im Jüdischen Museum befinden sich auch Tafeln einer Ausstellung zum Völkermord an Roma (die aus Platzgründen nur temporär gezeigt werden können).
Im Schulunterricht Moldawiens sei der Holocaust bis heute ein vernachlässigtes Thema. Bisweilen kommt es zu offenem Revisionismus.

Viorel Achim
ViorelAchimViorel Achim ist einer der führenden Wissenschaftler, die sich mit dem Genozid an rumänischen Roma beschäftigen. Er arbeitet im Nicolae Iorga Institut für Geschichte in Bukarest (Rumänien). Er stand uns bereits zwei mal mit seinem Fachwissen zur Verfügung. Neben der Vermittlung der historischen Faktenlage hat uns Achim auch die Schwierigkeiten der Erinnerung vor Augen geführt: Noch in den 1990er Jahren hätten die meisten Intellektuellen gesagt: In Rumänien gab es keinen Holocaust. „Wir Historiker haben jetzt Zugang zu den Archiven, aber die normalen Leute wissen nichts darüber, was mit Juden und Roma in Transnistrien passierte.“ Auch viele Roma, deren Familien nicht von den Deportationen betroffen waren, wüssten noch heute wenig über die Ereignisse.

Ausschlaggebend für die Deportationen sei das Bestreben nach „ethnischer Reinheit“ gewesen. Roma seien nicht durchweg als ethnische Minderheit wahrgenommen worden, die nomadisierenden Roma hätten aber als „unassimilierbar“ gegolten. Achim bezeichnet die Deportationen als letztlich rassistische Maßnahmen.