Zeitzeugen

Wir stellen hier einige der ZeitzeugInnen und anderen InterviewpartnerInnen vor, denen wir begegnet sind. Je nach Verlauf des Interviews haben wir uns (zunächst) zur Wiedergabe in indirekter Rede oder in (redigierter) direkter Rede entschieden.

 

Nikolaij Iwanowitsch Lukjanenko, Gomel. Geb. 1941

„Der Großvater wurde mit Benzin übergossen und verbrannt.“

Nikolai Lukjanenko berichtet, was ihm seine Mutter und andere Verwandte aus der Zeit der deutschen Besetzung erzählt haben.

  

Die Eltern von Nikolai Lukjanenko lebten halbnomadisch, im Winter hatten sie ein festes Quartier im Dorf Oskolkovo. Nach dem Einmarsch der Deutschen versteckten sie dort im Keller mehrere Wochen lang zwei Männer, die vor den Deutschen auf der Flucht waren.

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Nikolaj Afanasowitsch Ewdokimow, Gomel, geb. ca. 1933

„Was gibt es groß zu erzählen? Die Deutschen erschossen die Leute, hängten sie auf…“

“Am Anfang taten uns die Deutschen nichts.

Nikolaj Ewdokimow vor seinem Haus

Im Sommer wanderten wir, immer in der Nähe von Gomel, wir trieben Handel und beschäftigten uns mit Pferden. Im Winter mieteten wir Häuser bei den Einheimischen. Nach einer Zeit fingen die Deutschen an, die Roma zu erschießen.

Weißt du, wen sie am wenigsten respektiert haben? Juden und Roma.

Es gab auch Russen, die warne bestechlich und arbeiteten für die Deutschen. Sie waren boshaft, solche Parasiten waren das.

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Wassilij Iwanowitsch Ewdokimow, Gomel, geb. 1939

„Wir flüchteten in den Wald, zu den Partisanen“

Wir lebten im Dorf Krywsk, in der Oblast Gomel. Mein Vater arbeitete in der Kolchose, außerdem handelte er mit Pferden.

In unserem Dorf gab es keine Deutschen, nur zwei oder drei Polizisten. Darunter waren auch Freunde von uns, sie verrieten uns nicht. Anderswo gab es aber auch Polizisten, die einen verraten haben, etwa wenn sie wütend auf jemanden waren. Am Anfang unternahmen die Deutschen noch nichts gegen die Roma, aber die Juden haben sie gleich weggebracht, nach Gomel ins Gefängnis.

Im ersten Jahr der Besetzung organisierten die Deutschen noch Konzerte, die Roma machten dort Musik, und die Jungen und Mädchen tanzten. Aus einem Nachbardorf haben wir gehört, dass dort Roma bei so einem Konzert den Deutschen zwei Pferde gestohlen hatten, um sie den Partisanen zu bringen.

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Nikolaj Wasiljewitsch Briljewitsch (Sluzk). Geb. 1940

Wir versteckten uns, damit die anderen nicht erkennen, dass wir Roma waren.“

Die Eltern von Nikokaj Wasiljewtisch (sein Vater Rom, seine Mutter Russin) lebten vor dem Krieg in einem größeren Haus, in dem noch weitere Roma wohnten.

Nikolaj Briljewitsch berichtet, dass seine Eltern nach dem Einmarsch der Deutschen aus ihrem Dorf geflohen sind und sich zusammen mit ihm und seinen zwei Geschwistern zumindest eine Zeit lang in einem anderen Dorf versteckt hielten, im Haus einer russischen Familie. Wenn Fremde ins Haus kamen, versteckte seine Mutter sich und ihn unter dem Bett.

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Grigorij Pawlowitsch Gorbunow, 1956. Gomel

 

„Meine Großtante wurde als ‚Russin‘ angesehen und gab meinen Vater als ihr eigenes Kind aus. Alle anderen wurden erschossen.“

 

 

Als ich klein war, erzählte die Schwester meiner Großmutter viel über die Ereignisse des Jahres 1942. Sie hieß Ulyana Artyomovna Ivanova.

Meine Vorfahren lebten nicht nomadisch. Sie waren Bauern und lebten in ihren eigenen Häusern. Das war im Brjansker Gebiet, im Dorf Koschani.

Am Anfang, als die Deutschen noch im Vormarsch auf Moskau waren, taten sie den Roma nichts an. Aber im Frühling 1942, noch vor Ostern, kam plötzlich ein Befehl: Alle Roma wurden gefangengenommen und sollten zu Fuß nach Klintsi gehen. Das war ein Bezirkszentrum.

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Wera Mychaijlowna Egorowa, Masylyschky (bei Oschmjany), geb. 30. 6. 1943

„Die Kinder haben Typhus – oh, da sprangen die Deutschen schnell zurück, aus Angst, sich anzustecken.“

 

 

 

Als die Deutschen da waren, lebte meine Familie im Tabor, im Wald. Dort hatten sie Zelte aufgestellt. Tagsüber ging meine Mutter mit ihrer Schwester in ein Dorf, irgendwo in der Nähe von Minsk, um wahrzusagen. Sie übernachteten dort im Haus ihrer Cousine. Dort aßen sie, unterhielten sich und waren fröhlich.

 

Als sie am nächsten Morgen gingen, kamen die Deutschen in einem Auto. „Ihr seid Partisanen“, sagten sie.

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Galina Iwanowna Wansewitsch, Minsk, geb. 2. Mai 1938

“Ich habe lange nach dem Ort gesucht, an dem sie ermordet wurden.”

Galina Iwanowna lebt heute in Minsk. Sie hat als Kind ein Massaker an ihrer Familie überlebt, weil sie, gemeinsam mit ihren Geschwistern, von einer Weißrussin versteckt wurde. Nach jahrzehntelangem Suchen konnte Galina Iwanowna den Ort des Massakers nahe der Ortschaft Novosjady auffinden und hat dort auf eigene Initiative ein Grabmal errichtet.

Die Dorfbewohner erzählen, dass es damals eine Verordnung gab, die Pässe zu wechseln.

Meine Verwandten waren nicht nomadisch, sie haben in festen Häusern gelebt. Alle sind nach Oschmjany (Hauptort der Region, Anm. des Projektteams) gekommen. Dann hat man die Roma weggebracht, um sie zu erschießen.

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