Hristache Toma, geb. 1927, Rumänien

Als wir deportiert wurden, hat man uns Häuser in Russland versprochen. Und stattdessen haben sie uns in Erdlöcher gesteckt. (…) In den Planwagen war alles drin, was wir brauchten. Unsere Töpfe, der Familienschatz, alles war wir geerbt hatten. Und dann haben sie uns alles weggenommen. Die Leute, die versuchten, aus den Wagen noch etwas rauszuholen, sind erschossen worden.(…) Es gab keine Lebensmittel. Es war ein elendes Leben. Zweieinhalb Jahre Lähmung.

Ich bin 1927 geboren. Ich war ein Corturari – ein sogenannter Zeltzigeuner. Meine Eltern zogen damals von Dorf zu Dorf. Das war ein leichtes und gutes Leben. Sie haben Blecharbeiten gemacht – z.B. Konserven für die Rumänen angefertigt. Das war immer ein festes gutes Handwerk. Und das kann ich auch noch. Das habe ich auch gelernt. Früher haben wir das immer übernommen, von den Alten, weil davon haben wir gut gelebt. Wir waren zu Hause: Mutter, Vater und die acht Kinder. Ich hatte noch vier ältere Geschwister – also ich war so in der Mitte.

Als wir in den Lagern waren, war es schlimmer als in den Zelten. Im Zelt war es warm, mit dem Feuer in der Mitte, und wir waren zufrieden. Aber im Lager war das Leben lähmend.

Als unser Dorf deportiert wurde, waren wir so 60 Romafamilien.

Als wir deportiert wurden, hat man uns Häuser in Russland versprochen – von anderen Russen. Und stattdessen haben sie uns in Erdlöcher gesteckt. Es wäre besser gewesen, man hätte uns erschossen. Die Soldaten dort behandelten uns so wie sie wollten und zwar schlecht. Wir haben damals nicht mehr geglaubt, dass wir wieder nach Rumänien zurückkommen würden.

Auf dem Weg zum Lager in Ludovka (Lugova? Vgl. Ghettoliste) hat man uns alles weggenommen. Dort war ein eingezäuntes Lager mit Türmen ohne Tore. Dort ist alles weggenommen worden, die Pferde und den Planwagen – das haben wir alles dabei gehabt. Wir haben immer alles bei uns gehabt. Das waren wir so gewohnt. Wenn wir irgendwo anhalten wollten, um was zu essen zu machen – da wussten wir: da ist der Topf drin, da haben wir alles drin und so haben wir halt gelebt. Selbst der Familienschatz – also alles was wir von den Eltern und Großeltern geerbt hatten – war darin verstaut.

Und dann haben sie uns alles weggenommen. Und die Leute, die versuchten, aus den Wagen noch etwas rauszuholen, sind auch erschossen worden.

Bis zum Lager – bis zum Bug – sind wir sieben Monate zu Fuß unterwegs gewesen mit dem Pferdewagen. Etwa 6.000 sind von dort wieder zurückgekommen. Es gab Typhus, lauter Krankheiten und alle haben irgendwie versucht, dass man sich bei den anderen nicht ansteckt. Es sind so viele Leute an diesen Krankheiten gestorben. Und wer nicht an Krankheiten gestorben ist, ist entweder erschossen worden oder durch Unfälle mit zurückgelassenen Waffen umgekommen.

In den Erdlöcherlagern dort in Transnistrien waren etwa 25.000 Roma, soweit ich weiß. Aber es kamen dann immer noch welche. Es gab keine Lebensmittel. Es war ein elendes Leben. Zweieinhalb Jahre Lähmung. Wir haben Essen von den Feldern gesammelt. Kartoffeln usw. oder Maisstroh, um Feuer zu machen. Es kam zu Vergewaltigungen. Es wurden manchmal Frauen bedroht mit Erschießungen, und die haben es auch manchmal vorgezogen erschossen zu werden.

Wie viele Familien wurden deportiert?

Also von unserem Dorf wurden alle Romafamilien deportiert. Und ich weiß, dass es ein riesiger langer Konvoi war. Also wir sind von hier erstmal nach Bukarest, dann hoch nach Kapul und dann über die Flüsse da, Pruth und Nistru (Dnister) und bis zum Bug.

Was hatten Sie zu essen?

Unterwegs hatten wir gar nichts zu Essen bekommen, da mussten wir selber sehen. Und später, als wir in den Erdlöchern waren, da wurden dann Zählungen durchgeführt. Dann nachher hat es z. B. ein halbes Kilo Mais für jeden gegeben. Also wenn Du eine Familie von 6 Leuten hattest, hattest du dann so 3 Kilo Maismehl.

Für wie lange?

Pro Woche! Presskuchen gab es nachher!

Wie sind Sie über den Nistru gekommen?

Also der Hinweg, der war eigentlich nicht das Problem. Das war noch vor der Zeit vor dem Nistru, weil da schwere Schneestürme waren, da sind manchmal in der Nacht 200-300 Leute gestorben – bei der Kälte. Auf dem Rückweg aber, da gab es das Problem, weil wir uns selber durchschlagen mussten. Wir sind z.T. schwarz natürlich über die Grenze gegangen. Nur gegen Bestechung. Z.B. hat einer gesagt, wenn er 15 bis 20 Leute rüber bringen soll, dann koste es eine Goldmünze, die wir da lassen mussten.

Können Sie uns so einen Tag schildern: Morgens wacht man auf… was hat man dann gemacht? Musste man arbeiten?

Wir haben z.B. den ganzen Tag Kartoffeln gesammelt. Wir wurden aufgeteilt in Gruppen zu 30 Leuten und ich war für eine Gruppe von 30 verantwortlich. Was nicht ganz so schön war. Erstmal waren wir eine Stunde zu Fuß unterwegs. Von Sonnenaufgang bis nachts wurde gearbeitet. Ich war der Chef von den Leuten. Und das war so eine Position, wo man nicht unbedingt geliebt wurde, weil ich da in alle Richtungen verantwortlich war. Z.B .wenn die Leute nicht mehr konnten. Es waren ja viele Alte dabei, und ich war ein junger. Sie wollten sich dann was zu Essen machen. Sie haben dann von den Kartoffeln etwas ausgesucht und haben sich da so ein Kartoffel–Krautfeuer gemacht. Da haben sie sich dann Kartoffeln zubereitet.

Wie sind Sie mit den Soldaten umgegangen? Gab es Roma, die versucht haben, weg zu kommen?

An die Soldaten kann ich mich gut erinnern. Das waren ja die Wächter von den Lagern. Von denen gab es Stockhiebe. Z.B. wenn Du beim Einlass nicht ordentlich geantwortet hast, oder zugehört hast gab es Schläge. Entweder 50 auf den Hintern. Oder 25 hier auf die Oberschenkel. Stockhiebe. Wenn es schlimmere Vergehen waren dann halt entsprechend mehr, 100 Stockschläge.